Bericht über Sven Jung:
Lebenskrise am mexikanischen Grenzzaun: Der Weg zum Nationalspieler beginnt im Nirgendwo
Kein Schweizer ging einen längeren Weg zum Internationalen als der Emmentaler. Lange komplett unter dem Radar, schaffte er es zuletzt wie aus dem Nichts an die Eishockey-WM.
Es heisst, für die Liebe sei kein Weg zu weit. Als Sven Jung im Herbst 2013 ins Auto steigt, ist sein Ziel 3600 Kilometer entfernt: Calgary, wo seine damalige Freundin lebt. Es ist aber auch die Liebe fürs Eishockey und die Rettung der Karriere, die den 18-jährigen Teenager zu diesem Roadtrip animiert.
Jung ist nach drei Jahren in Nordamerika in Hidalgo gelandet, einem der südlichsten US-Ortschaften in Texas. Die Eishalle an der Grenzstadt zu Mexiko steht nur gut einen Kilometer vom berüchtigten Zaun entfernt, den Donald Trump so gerne ausbauen und upgraden würde. Hier ist Jung in eine Sackgasse geraten und will nur noch weg.
Eishockey in Kanada? Nur in Kombination mit der Schule
Doch beginnen wir von vorne. Wie andere junge Eishockeyspieler träumt Jung im Emmental von Kanada. Als er 2010 nach Saskatchewan reist, ist er erst 15. Es ist also nicht die typische Geschichte eines Teenagers, der in Kanadas höchste U21-Liga CHL wechselt.
Seine Eltern legen Wert auf die schulische Ausbildung, da eine Eishockeykarriere nicht sicher ist. Jung gehört nicht zu den grossen Talenten, er wird später weder bei den U18 noch bei den U20 WM-Spieler sein. Darum kommt in Kanada nur eine U18-Meisterschaft in Kombination mit geregeltem Schulbesuch und der Matura infrage.
Jungs Onkel, ein ausgewanderter Deutscher, betreibt in Saskatchewan eine Farm und kann eine gute Schule empfehlen. Jung will später Universitätshockey in den USA spielen, es erscheint ihm als realistisches Ziel: «Die Schule bereitete mir keine Mühe.»
Die erste Eishockey-Lektion lernt er in Kanada noch vor den Spielen: «Mir wurde mitgeteilt, dass ich ein weicher Europäer sei, der tougher werden muss.» Er soll darum auch ins American-Football-Team. Da Jung keinerlei Erfahrung mit diesem Sport hat, muss er in der Offensive Line als Blocker ran, er wird in keinem Spiel je einen Ball berühren. Das Ziel ist ein anderes: Kilos zulegen. «Die Footballtrainings waren pickelhart, mir tat nach drei Stunden alles weh.» Diese Herausforderung angenommen zu haben, bereut er nicht, es beeindruckt zudem seine Trainer.
Das körperbetonte Spiel hat Jung im Eishockey immer schon gelegen. Dennoch beginnt für ihn ein neuer Lernprozess: «Es ging auch darum, Checks richtig anzunehmen.» Die Tacklings im Football helfen dabei. Jung zählt auf, was er lernen musste und was sein Spiel heute prägt: «Auch nach Pässen und Schüssen bereit sein, den Körper nicht entspannen. Entlang der Bande nicht abdrehen, wenn ein Gegner zum Check ansetzt. Nicht nach vorne Richtung Puck lehnen, sondern den Check annehmen.»
Nach drei Jahren beendet Jung die Mittelschule und will den letzten Schritt vor der Universität tätigen: Juniorenhockey auf höchster Stufe in den USA. Im Tryout in Lincoln, Nebraska, wird er als überzähliger Ausländer ins knapp 2000 Kilometer südlich gelegene Partnerteam versetzt. So landet Jung am Grenzzaun, so wird er eine Rio Grande Valley Killer Bee – welch ein Clubname.
Er verletzt sich früh und ist auch in Hidalgo bald überzähliger Ausländer. Der 18-Jährige fühlt sich immer unwohler, doch der Bitte, ihn für einen anderen Club freizugeben, kommen die Killerbienen nicht nach. Er sieht den Traum vom Universitätshockey geplatzt, will weg. «Also stieg ich ins Auto, das ich in Hidalgo gekauft hatte, und fuhr zu meiner damaligen Freundin.»
In Calgary angekommen, fällt er den Entscheid, in die Schweiz zurückzukehren. Kaum in Genf gelandet, wartet bereits Chris McSorley. Servettes Trainer will ihm während einer Tour durch die Eishalle den Club schmackhaft machen. Kurz danach meldet sich Christian Wohlwend aus Lugano. Dort ist er Juniorentrainer, Patrick Fischer ist Headcoach des Profiteams. Keiner der drei ahnt, dass sich ihre Wege Jahre später beim HC Davos sowie der A-Nationalmannschaft kreuzen werden.
Jung wartet ab, er möchte noch in Davos vorbeischauen, wo er einen Termin mit Arno Del Curto erhält. Dieser fackelt nicht lange: 3-Jahres-Vertrag, aber keine Bedenkzeit. Jung bittet um 30 Minuten, um Eltern und Agent anrufen zu können: «Arno gab mir 20.» Jung sagt zu, reisst sich zwei Wochen später das Syndesmoseband und fällt drei Monate lang aus. Sein richtiger Start in Davos erfolgt erst in der Saison 2014/15.
Nun jagt er die HCD-Clublegenden
Heute ist Jung immer noch in Davos, kürzlich unterschrieb er bis 2031. Er käme dann auf 17 Saisons hintereinander, nur die Clublegenden Jan von Arx (20), Sandro Rizzi und Andrea Häller (je 18) haben noch mehr zu bieten. Zu Beginn seiner Profikarriere war Jung ein wilder Verteidiger, der auf der Suche nach Checks, guten wie schlechten, herumzuirren schien und unnötige Strafminuten sammelte. Ein künftiger WM-Teilnehmer? Unmöglich.
Und dennoch schaffte er es letzten Sommer als Überraschungsnomination Fischers nach Prag. «Bereits mit dem Aufgebot für die WM-Vorbereitung hatte ich nicht gerechnet», erzählt Jung. Doch dann überstand er Cut um Cut. Auch, weil er mit 29 Jahren ruhiger und überlegter agiert und seinen simplen Part als Defensivverteidiger neben offensiv ausgerichteten Partnern wie Magnus Nygren, Dominik Egli oder Calle Andersson spielt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Quelle: tagesanzeiger.ch
Autor: Kristian Kapp
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